Ich esse was, was du nicht siehst

Dazed beschreibt eine wachsende Szene junger Menschen in Großbritannien, die essbare Wildpflanzen sammeln. Was nach Landleben klingt, zieht auf TikTok Millionen Aufrufe. Wer dachte, kostenlose Nahrung sei das Ende eines Geschäftsmodells, hat etwas übersehen.
Auf Xiaohongshu, Chinas Antwort auf Instagram, verzeichnen Videos rund um das Thema über 200 Millionen Views. In Großbritannien und den USA folgen Hunderttausende den TikTok-Accounts von Pilz- und Wildkräuter-Creatorn. Local Guides in Shanghai bieten bezahlte Touren an, um kostenlose Lebensmittel zu finden. Hurra, wir haben einen Trend.
Foraging - das gezielte Sammeln wilder Kräuter, Pilze und essbarer Pflanzen - ist eine der ältesten Verhaltensweisen überhaupt. Einst galt es der Nahrungsbeschaffung. Neu ist, dass es gerade von einer Generation entdeckt wird, die mit Lieferdiensten und Supermarkt-Apps aufgewachsen ist.
Das naheliegende Narrativ lautet: Man sammelt, weil man sparen will. „Budget-conscious" heißt es in der Berichterstattung. Das stimmt - nur ist es nicht die ganze Geschichte. Menschen sammeln auch um des Entdeckens willen in einem Alltag, in dem man verlangt, bestellt, bezahlt und konsumiert.
Was empfinden Menschen hier als wertvoll? Nicht Besitz, sondern Können. Nicht Produkt, sondern Praxis. Nicht kaufen, sondern wissen, wo es wächst. Wer einen Bärlauch vom Maiglöckchen unterscheiden kann, weiß etwas. Wissen macht interessant.
Dazu kommt ein dritter Grund: die Nähe zur Natur. Nicht als Wellness-Konzept, nicht als Retreat mit Buchungsnummer, sondern als körperliche Erfahrung. Erde an den Händen, Regen im Gesicht, ein Pilz, der nur hier und nur jetzt wächst. In einer Welt, die sich überwiegend auf Bildschirmen abspielt, ist das kein Eskapismus, sondern Kontakt. Jeder, der schon mal einen Baum umarmt hat, weiß das.
Dass daraus sofort ein Markt entsteht, ist heutzutage folgerichtig. Workshops, Touren, Bestimmungs-Apps, Sicherheitskurse, Kochbücher, Creator-Nischen. In Shanghai zahlt man für die Erfahrung, nicht für das Gemüse. Der Wert liegt nicht im Produkt, sondern in der Kompetenz, die man erwirbt.
Und ja, auch die urtypischsten menschlichen Verhaltensweisen lassen sich als Trend entdecken. In einer reizüberfluteten Welt, in der scheinbar alles schon einmal durch den sozialen Wolf gedreht wurde, macht die Langeweile auch vor prähistorischer Nahrungsbeschaffung nicht halt. Das war bei Keto so, bei Fermentation, bei der Wiederentdeckung von Einkochen und Haltbarmachen. Irgendwann läuft der Algorithmus rückwärts. Ist doch eigentlich ganz nett.
Das Gegenargument ist natürlich berechtigt: Falsche Bestimmung kann zu Vergiftungen führen, besonders bei Pilzen. Ökologisch gibt es Bedenken wegen Übererntung. Und wer Zugang zu Parks hat, Zeit für Touren und Geld für Führungskurse, ist selten derjenige, dem das Essen ausgeht.
Wir sind Jäger und Sammler. Das bleibt wohl so. Gestern Nahrung, heute Views.
Quelle: Dazed Digital