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Ach, diese blöde Lizenz…

A24 verfilmt die SCP Foundation. Das Horror-Universum aus dem Netz steht unter freier Lizenz und die macht Exklusivität unmöglich. Eigentlich.

Tubefilter berichtet über ein Filmprojekt mit Gesprächsbedarf: Das US-Filmstudio A24 will die SCP Foundation verfilmen, ein Horrorgeschichten-Universum, das seit fast zwanzig Jahren von Tausenden Freiwilligen im Netz geschrieben wird. Das fehlende Detail: Die Autoren haben davon bislang nur aus der Presse erfahren.

Die SCP Foundation ist eine erfundene Geheimorganisation, die übernatürliche Objekte einsammelt, wegsperrt und darüber Akten führt. SCP steht für ihr Motto: Secure, Contain, Protect, also sichern, einsperren, schützen. Jedes Objekt bekommt eine Nummer und einen nüchternen Bericht, geschrieben im Ton einer Behörde, die schon alles gesehen hat. Tausende Leute haben solche Akten verfasst, auf einem gemeinsamen Wiki, ohne Verlag und ohne Abo. Nun meldet das US-Branchenportal Deadline, dass A24 daraus mit zwei Produktionsfirmen einen Kinofilm macht, Start 2027. Die Betreiber des Wikis fragen sich, warum niemand mit ihnen gesprochen hat. Ihre eigenen Versuche, die Filmemacher zu erreichen, seien bislang ins Leere gelaufen.

Der Film soll zur Horrorreihe V/H/S gehören. Die funktioniert seit 2012 nach demselben Prinzip: mehrere Kurzfilme, jeder angeblich gefundenes Videomaterial, gedreht, als hätte es jemand zufällig mitgeschnitten. Found Footage heißt das. Der neue Teil soll aus sichergestellten Aufnahmen der Foundation bestehen, jede über ein anderes Objekt, das aus seiner Zelle ausgebrochen ist. Die Kombination liegt nahe. SCP erzählt in Akten, V/H/S in Aufnahmen und beide tun so, als sei alles wirklich passiert.

Angefangen hat alles 2007 auf 4chan, einem anonymen Bilderforum, aus dem viele Internet-Mythen stammen. Dort tauchte die erste fiktive Akte auf: SCP-173, eine Statue, die sich nicht rührt, solange man sie ansieht. Schaut man weg, bewegt sie sich blitzschnell und bricht einem vorzugsweise das Genick. Laut Akte soll man deshalb einem Kollegen Bescheid geben, bevor man im Raum blinzeln muss. Das Foto dazu zeigte eine echte Skulptur namens Untitled 2004 des japanischen Künstlers Izumi Katō, der erst später erfuhr, dass sein Werk in einem Horrorforum als genickbrechende Statue Karriere gemacht hatte, was er gar nicht mal so lustig fand. In der Community heißt die Kreatur übrigens Peanut. Andere schrieben eigene Akten dazu und aus einem Forenbeitrag wurde ein ganzes Universum.

2008 zog alles auf ein eigenes Wiki um und mit dem Umzug kam eine Regel, die bis heute gilt: Alle Texte stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz. Das ist ein fertiger Standardvertrag, mit dem Urheber ihre Werke für alle freigeben können, ohne dass jeder einzeln um Erlaubnis fragen muss. Die SCP-Variante hat einen Haken: Jeder darf die Geschichten nacherzählen, verfilmen und damit Geld verdienen - allerdings muss er sein eigenes Werk dann ebenfalls freigeben. Wer etwas nimmt, muss es genauso weitergeben.

Dazu kommt, dass niemand da ist, der die Rechte verkaufen könnte. Jeder Autor der Foundation behält die Rechte an seinem Text, viele schreiben anonym, manche Akten haben mehrere Urheber. Auch den Namen SCP hat sich niemand schützen lassen. Als vor einigen Jahren ein Russe genau das versuchte, sammelte die Community Geld, machte online ordentlich Lärm und die Eintragung wurde wieder gelöscht.

Für einen Kinofilm heißt das: Er darf ins Kino und Geld verdienen, muss danach aber frei sein. Kein Kopierschutz, keine Exklusivität. Jeder dürfte ihn kopieren, jeder Streamingdienst dürfte ihn zeigen, ohne dafür zu zahlen. Das gehört jetzt nicht ganz zum gewohnten Lizenzverständnis von Hollywood-Studios. Die Wiki-Betreiber schreiben entsprechend trocken, sie wären nicht überrascht, den Film am Premierentag auf YouTube zu finden, womöglich auch schon vorher. Genau daran seien frühere Hollywood-Anläufe gescheitert. Geld wollen sie übrigens keines. Sie könnten die Regeln gegen Bezahlung gar nicht lockern und würden es auch nicht tun, wenn sie könnten.

Ein neues Drehbuch ändert daran nichts, solange der Film auf den Geschichten aufbaut. Frei ist nur die Grundidee: Eine Geheimorganisation, die Monster wegsperrt, darf jeder erfinden. Der Rechtswissenschaftler Andres Guadamuz, der an den Creative-Commons-Lizenzen mitgearbeitet hat, sieht darin einen Ausweg, um die Lizenz zu umgehen: keine einzige SCP-Geschichte verwenden, nur den Namen. Die Community sieht das anders und verweist auf Star Trek. Auch eine Serie mit neuer Crew auf einem neuen Schiff lebt von allem, was vorher war.

A24 ließ über das US-Gaming-Magazin Kotaku ausrichten, die weltweiten Rechte würden nur diesen einen Film betreffen, man beanspruche nichts am SCP-Universum und wolle niemandem eigene SCP-Werke verbieten. Der Film sei eine Hommage an die Community. Die hatte laut Tubefilter vom Studio selbst allerdings bis Mitte September nichts gehört. Wo die Hommage aufhört und die Verfilmung anfängt, klärt im Zweifel ein Gericht, jedoch wäre eine Hommage, die SCP im Arbeitstitel trägt, aber nichts aus SCP erzählt, schon irgendwie seltsam. Vielleicht reicht die Rechnung aber auch nur bis zum Startwochenende und was danach mit dem Film passiert, spielt gar keine so große Rolle mehr. Bei einem Stoff, der seine Fans gleich mitbringt, kann das reichen. Und jede weitere Kopie wäre Werbung für den nächsten Teil.

Exklusivität ist nicht ohne Grund die Königin des Unterhaltungsgeschäfts. Wer Geld in einen Film steckt, will sicher sein, dass ihm das Ergebnis gehört und es niemand am nächsten Tag kostenlos zeigt. Das gilt für die kleine Produktionsfirma genauso wie für das große Studio und es gilt für Hunderttausende Filme, die ganz normal mit exklusiven Rechten entstehen und diese auch benötigen, um eigene Ideen und Investments zu sichern. Creative Commons gibt es seit gut zwanzig Jahren als Gegenentwurf, so richtig ernst genommen hat die Filmbranche das nie. Das ändert sich vielleicht, wenn der Bedarf hoch ist und gute Geschichten knapp sind und da draußen ein Schatz an User-generated Content scheinbar nur darauf wartet, verfilmt zu werden. Das weckt Begehrlichkeiten, auch, wenn vielleicht gar nicht jeder Schatz gehoben werden will. Wer dringend Stoff braucht, muss dann auch mal den Beipackzettel lesen.

Das größte Risiko trägt, wer zuerst bezahlt, und die Beispiele für freie Spielfilme sind deshalb entsprechend selten. Nina Paley stellte 2009 ihren Animationsfilm Sita Sings the Blues unter derselben Lizenz wie SCP frei ins Netz und wurde damit zu einer bekannten Aktivistin für freie Kultur. Das spanische Kollektiv Riot Cinema finanzierte 2013 den Science-Fiction-Film The Cosmonaut zur Hälfte per Crowdfunding und gab das Rohmaterial für Fans zum Neuschneiden frei. Die Band Nine Inch Nails zeigte 2008, dass so etwas auch Marketing sein kann: Ihr Album Ghosts I-IV durfte legal geteilt werden, ein Teil war gratis, verdient wurde am Rest und an teuren Sondereditionen. In der ersten Woche kamen über 1,6 Millionen Dollar zusammen.

Die Produzenten haben ihr Motiv offen formuliert: Internet-Mythen bringen ein treues Publikum mit. Der Film Backrooms hat das bewiesen. Auch dieser Mythos begann auf 4chan, in diesem Fall mit dem Foto eines leeren, gelb tapezierten Raums, der sich später als Möbelhaus in Wisconsin herausstellte. Kane Parsons machte daraus als Teenager eine YouTube-Serie, A24 mit ihm einen Kinofilm. Rund zehn Millionen Dollar Budget, 118 Millionen am ersten Wochenende, insgesamt rund 394 Millionen. Im Juli ließ A24 dann ein Fan-Motiv mit den gelben Räumen von einem Online-Shop entfernen. Parsons schaltete sich ein, das Studio ruderte zurück und erklärte, es beanspruche weder die Tapete noch die Werke der Community. Alles gut, ok, ok…

Found Footage hat einen berühmten Vorfahren, der zeigt, was ein Mythos wert sein kann, der sich selbst verbreitet. The Blair Witch Project startete 1999 mit einer Website, die die Geschichte als echten Vermisstenfall präsentierte, samt Suchplakaten für die drei Darsteller. Das Publikum trug den Mythos selbst weiter. Der Film spielte weltweit 248,6 Millionen Dollar ein, bei einem Budget, das je nach Legende zwischen gut 20.000 und 750.000 Dollar lag. SCP-Akten sind im selben Ton geschrieben, als gäbe es die Foundation wirklich. Ein Film, den jeder teilen und weitererzählen darf, hätte diese Maschine von Anfang an eingebaut.

Das Netz hat Erzählwelten hervorgebracht, die ohne Studio, Verlag oder Sender entstanden sind. Wer sie liest, schreibt oft selbst mit. Solche Welten lassen sich schwerer einkaufen und vielleicht auch nicht mehr einfach so wegschließen. Ihr Publikum ist dasselbe, das später die Kinokarten kaufen soll, und das kann sehr laut werden, wenn es sich schlecht behandelt fühlt.

Exklusivität wird deshalb nicht verschwinden, aber sie bekommt vielleicht Gesellschaft. Neben dem klassischen Exklusivmodell könnte ein zweiter Markt entstehen für Stoffe, die so gut sind, dass schon die erste Auswertung das Risiko trägt. Es fehlt nur noch jemand, der so mutig ist, das auszuprobieren.


Quelle: Tubefilter – A24 is making an SCP Foundation movie. That's news to the SCP Foundation.

Recherche unter anderem: SCP Foundation – Statement On V/H/S SCP Foundation Film · TechnoLlama – V/H/S SCP: When fandom meets law and Creative Commons