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# Der Wert der Worte
- URL: https://www.sgnls.de/der-wert-der-worte/
- Published: 2026-10-02T12:41:37.000Z
- Updated: 2026-10-02T14:01:04.000Z
- Description: Musixmatch-Gründer Ciociola definiert Songtexte als Sprachmodell der Musikindustrie. Was Songtexte für Suche, Social Media und Kataloge wert sind.
- Author: Björn
- Tags: Music & Tech

![](https://storage.ghost.io/c/3d/65/3d65d741-72a4-42fe-9762-af07ba25d0f3/content/images/2026/10/sgnls-wert-der-worte-artikel-1.png)

*Music Business Worldwide hat mit Max Ciociola gesprochen, dem Gründer von Musixmatch. Musixmatch liefert unter anderem die Songtexte, die bei Spotify und Apple Music unter dem laufenden Titel mitscrollen. Ciociola sagt, Songtexte werden das „Sprachmodell der Musikindustrie". Gemeint ist mehr als die Zeile zum Mitsingen: der Text als Schlüssel, über den Songs gefunden, sortiert und inszeniert werden.*

Musixmatch sitzt in Bologna, wurde vor sechzehn Jahren gegründet und wird von über 80 Millionen Menschen genutzt, die meisten davon tun das, ohne es zu wissen. Hinter der mitlaufenden Textzeile in der Musikapp steckt nämlich ein Rechtegeschäft: Die Firma arbeitet mit fast 250.000 Rechteinhabern, liefert Songtexte für lizenzierte Angebote, beobachtet, wo Texte im Netz auftauchen, und zahlt Tantiemen aus. Als Musixmatch 2010 an den Start ging, waren Songtexte laut Ciociola der meistgesuchte Begriff bei Google, in jedem Land der Welt. Bezahlt hat damals kaum jemand dafür, die meisten Seiten haben die Texte einfach kopiert und mit dem Traffic Werbung verkauft.

An den Einnahmen, die ein Song über Radio, Streaming oder für die Verwendung in einem Werbespot generiert, hatte der Text schon immer seinen Anteil und eine geregelte Abrechnungsstruktur. Musixmatch hat sich als eine der zentralen Lizenzplattformen für all das etabliert, was darüber hinausgeht - wenn ein Text angezeigt, durchsucht oder in eine App eingebaut wird.

Nach Zahlen der amerikanischen Verlegervereinigung NMPA hatte die eigenständige Lizenzierung von Songtexten 2024 einen Anteil von rund einem Prozent der gesamten Verlagseinnahmen. Da ist Luft nach oben und der wachsende Bedarf an strukturierten Daten im Musikgeschäft könnte dafür den Schub liefern, in der Kreation wie in der Vermarktung.

Im Oktober 2025 hat Musixmatch mit den Verlagssparten aller drei Majors Verträge geschlossen über rund 15 Millionen Songs, ausdrücklich lizenziert für Analyse- und Business-Werkzeuge. Daraus ist unter anderem ein Tool entstanden, das Kataloge nach Bedeutung, Stimmung und Thema durchsucht. Für die Verwendung von geschützten Songtexten in KI-Prompts gibt es ebenfalls eine Lösung, die schon bei der Eingabe erkennt, ob jemand fremde Songtexte verwendet. Wie wichtig diese Frage geworden ist, zeigt das Urteil des Landgerichts München im Verfahren der GEMA gegen OpenAI: Das Gericht entschied, dass die unlizenzierte Nutzung geschützter Liedtexte für Training und Ausgabe von ChatGPT das deutsche Urheberrecht verletzt. Rechtskräftig ist das Urteil zwar noch nicht, wegweisend jedoch schon.

In Zeiten, in denen uns die Musik-Apps täglich mit tausenden neuen Songs überfluten, verändert sich auch die Suche und Entdeckung von Musik, in der Branche mit „Discovery" beschrieben. Ciociola glaubt, dass die gezielte Songsuche von Prompts wie „Erstelle mir eine Playlist mit Songs über Liebeskummer" abgelöst wird. Klar ist, dass durch KI und Indizierung der Musikkataloge Songtexte eine immer größere Rolle spielen werden, weil sie das Sentiment eines Songs mit der Stimmung verbinden, in der sich ein Hörer gerade befindet. Apple Music lässt seit 2018 nach Textzeilen suchen, gedacht für alle, die nur eine Zeile im Kopf haben, aber keinen Titel dazu. Daneben öffnet sich eine weitere Einflugschneise, für Agenturen wie für Hörer: Die einen suchen ein Thema für ihr Briefing, die anderen die zehn traurigsten Songs aller Zeiten für einen einsamen Abend auf der Memory Lane. Beide stoßen bei den Plattformen auf dieselbe Lücke: Worum geht es eigentlich in all diesen Songs?

Dass ein Songtext Emotionen inszenieren kann, weiß man spätestens seit dem Boom der Lyricvideos auf YouTube Anfang der 2010er-Jahre, eigentlich aber bereits seit 1987 durch Prince „Sign O' The Times". Später oft als günstige Alternative zum aufwändigen Musikvideo gedacht, hat die visuelle Umsetzung von Songtexten großartige kreative Ergebnisse hervorgebracht und kann eine tiefe emotionale Wirkung entfachen. Auf der anderen Seite kann heute eine einzelne Zeile, die den Zeitgeist trifft und in den Algorithmus gespült wird, für einen viralen Hit reichen, wobei das Veröffentlichungsdatum kaum noch eine Rolle spielt. Damit bekommen visualisierter Text und dessen Verbreitung über Social Media ein neues Gewicht in der Musikvermarktung.

Seit 2019 kann man bei Instagram Songtexte in eine Story legen, seit 2023 auch in Reels. Gedacht war das ursprünglich zum Mitsingen, als Antwort auf die Lip-Sync-Videos, mit denen TikTok groß geworden ist. Die Ausweitung auf Reels begründete Instagram dann damit, dass Nutzer Songtexte längst von Hand in ihre Videos einfügten, um sich damit auszudrücken. Man sucht sich die Zeile aus, die zum Moment passt, wählt Schrift und Animation und der Text erscheint genau dann, wenn er gesungen wird. Das ist Funktion und emotionale Vermarktung in einem und nutzt einen Mechanismus, der schon immer im Song eingebaut war: die Stelle, an der eine Zeile und eine Melodie zusammen ein Gefühl auslösen. Nur wird diese Stelle jetzt herausgenommen und neu montiert, auf einem Urlaubsfoto, bei einem Heiratsantrag, in einem Abschiedsvideo.

Weitergedacht wird dadurch ein ganzer Katalog befragbar: Welche Songs erzählen von Aufbruch, wenn alle davon reden? Welche Titel können emotionaler Anker in Zeiten von Unsicherheit sein? Ein Katalog, der sich so lesen lässt, zeigt virales Potenzial, bevor es jemand zufällig findet, auch bei Songs, die seit Jahren im Archiv liegen.

Wie gut das mit der einen Zeile funktioniert, weiß jeder, der einmal in einem Festzelt stand. Karnevals-, Wiesn- und Mallorcalieder leben von der Musik, aber mindestens genauso vom textlichen Hook, den schon nach dem zweiten Refrain der ganze Saal mitsingt und den alle mit nach Hause nehmen. Texte sind nicht nur Beiwerk oder die persönliche Geschichte eines Interpreten, sie sind Thema, Zeitgeist, Identifikation und Botschaft für eine Gemeinschaft, die sich über ein paar Worte in einem Moment miteinander verbindet. Sie halten fest, worüber in einem Sommer gesungen wurde, was man gefühlt hat und was seltsamerweise irgendwann mal lustig war.

Musik wirkt über einen emotionalen Gesamteindruck aus Klang, Stimme, Moment und Worten. Wer die Worte inszeniert und den Moment trifft, nutzt diesen Effekt und genau da liegt noch sehr viel ungenutztes Potenzial. Wenn Bedeutung zum Suchkriterium wird, rückt auch der nach vorne, der sie hineingeschrieben hat, und die Semantik bekommt womöglich dort mehr Gewicht, wo gerechnet wird: bei der Bewertung von Katalogen, bei Vergütung und bei der Frage, was ein Songtext für sich allein wert ist. Wie ich finde, äußerst viel.

Es gibt übrigens immer noch Reimlexika, früher mal Standardwerkzeug für Textdichter, bevor alles zum Tool wurde. Bücher, in denen man nachschlagen kann, was sich auf Herz reimt, was in den meisten Fällen auf der Hand liegt. Welche Zeile dich durch einen schweren Winter trägt, steht darin natürlich nicht, und genau das ist der Wert, um den es geht. Songzeilen funktionieren wie Gedichte und wie Memes zugleich. Sie wandern aus dem Song heraus, in Stories, auf Plakate, in Hochzeitsreden und Abschiedskarten, und sie können dort etwas bewegen, verändern, zum Nachdenken anregen, trösten oder einfach den Tag ein bisschen leichter machen. Und das noch lange, nachdem die Musik aufgehört hat oder bevor man überhaupt weiß, dass diese Zeile zu einem Song gehört.

Die Rechtestruktur dafür gibt es, die Geschäftsmodelle stehen noch am Anfang und das eine Prozent ist hier der Startwert, nicht das Potential. Das Resultat wäre ein Modell, um aus der Zeile unter dem Song die Stelle zu machen, an der im Musikgeschäft Bedeutung monetarisiert wird.

Imagine…

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Quellen: [Music Business Worldwide – Musixmatch: 'Lyrics are becoming the LLM of the music industry'](https://www.musicbusinessworldwide.com/musixmatch-lyrics-are-becoming-the-llm-of-the-music-industry/?ref=sgnls.de)